Musik in kreativer Atmosphäre
Das 23. Davos-Festival «Young Artists in Concert»
Angenehm unterscheidet sich das Davos-Festival «Young Artists in Concert» von anderen alpinen Klassik-Festivals durch seine persönliche Atmosphäre.
Zwanglos entstehen in den Pausen und nach den Konzerten Begegnungen, auch mit den Musikerinnen und Musikern. Für Gesprächsstoff sorgen Programme,
die einen mit ihrer Farbigkeit anregen, sorgen Interpretationen von oft (noch) wenig bekannten jungen Künstlerinnen und Künstlern, die mitunter viel riskieren,
um in neue Ausdrucksbereiche vorzustossen oder um in einer bekannten Partitur Un-erhörtes freizulegen. In Davos darf Neues passieren, und das macht das
Festival auch in seiner dreiundzwanzigsten Ausgabe erfrischend. Man trifft zwar keine Namen grosser Stars an, ausser allenfalls den eines renommierten
«composer in Residence» - Wolfgang Rihm war im letzten Jahr da, der Estländer Erkki-Sven Tüür ist es heuer. Es herrscht eine Stimmung der Kreativität, und
dass der Funke auch auf das Publikum überspringt, dafür sorgt die Intendantin Graziella Contratto mit ihrer kommunikativen Art.
Junge Schweizer Komponisten
So gab es beispielsweise ein Gratiskonzert für die Bevölkerung von Davos im übervollen Kongresszentrum, ein Riesenerfolg. Menschen, welche sonst kaum
je Klassik, Arnold Schönberg oder Neueres hören, wurden von Contratto geschickt an die Musik herangeführt - und waren begeistert. Das ist Basisarbeit, die
auch hilft, das Festival in der Bevölkerung zu verankern.
Im Gegensatz zu anderen, kommerziell ausgerichteten Sommerfestivals wie etwa Gstaad hat in Davos seit Beginn die Musik der Gegenwart einen festen
Platz. Das, obwohl auch dieses Festival mehrheitlich privatwirtschaftlich funktionieren muss. Eine Komponistin und ein Komponist der jüngeren Generation
wurden eingeladen, je ein neues Werk uraufzuführen. Beide stammen aus der Schweiz. In einer öffentlichen Probe mit einem Werkstattgespräch konnte man
das musikalische Denken von Cécile Marti und Laurent Mettraux kennenlernen. Zusammen mit dem Festival-Komponisten Erkki-Sven Tüür, seiner jüngeren
estnischen Kollegin Helena Tulve und Graziella Contratto näherten sie sich gemeinsam den eigenen Werken an.
Tags darauf wurden diese uraufgeführt, leider in einer Art Vorkonzert am frühen Abend, was für das Publikum weniger attraktiv war. Laurent Mettraux ist ein
längst arrivierter Komponist, der sein Metier beherrscht und eine einfache, zurückhaltende und auch sehr französische Klanglichkeit und Expressivität sucht.
Sein «Quintette pour clarinette et quatuor à cordes» - mit der phantastischen israelischen Klarinettistin Shirley Brill und dem engagiert spielenden Genfer
Quatuor Terpsycordes - zeigt gediegene Einfälle, es liebäugelt mit Klezmer-Musik, vor allem aber versteht es Mettraux, immer präzise dann, wenn ein Kontrast
notwendig ist, das zu komponieren, was man auch voraushört: ein perfekt ausbalanciertes, klangvolles Werk, das einen selten überrascht.
Diesbezüglich hat Cécile Marti in ihren «Streifen» für Violine, Viola, Klavier und Vibrafon mehr riskiert. Das Werk hat etwas Herbes, Treibendes, es sucht die
direkte körperlich-gestische Expressivität. Marti komponiert sie mit einem feinen Gespür für den Zeitfluss, differenziert. Die Verzahnung harmonischer Prozesse
mit farblichen Entwicklungen und einem inneren Pulsieren frappiert. Die Richtung der Prozesse wirkt klar, dennoch scheinen in jedem Moment mehrere Wege
offenzubleiben, und das macht die «Streifen» auch formal interessant.
Synthese
Das Licht der weissen Nächte des Nordens scheint auf die Musik des «composer in residence», Erkki-Sven Tüür, eingewirkt zu haben. Seine Werke, welche
in Davos zu hören waren, haben alle eine formale Einfachheit, die den Hörzugang leichtmacht. Das Interessante an diesem Komponisten ist seine Suche nach
einer Synthese gegensätzlicher (stilistischer) Ausdrucksbereiche. Da ist ein oft minimalistisches Pulsieren mit rhythmisch sich verschiebenden Mustern zu hören,
das sich aber plötzlich in sein Gegenteil verkehren kann. Harmonisch verbindet er ein diatonisches Denken (die weissen Tasten des Klaviers) mit
chromatischen Cluster-Ballungen und Ansätzen zu einer sich am Oberton-Spektrum orientierenden Harmonik. Überzeugend hat die Camerata Schweiz unter
der Leitung des Gastdirigenten Jean Deroyer drei Streicherwerke Tüürs vorgestellt, welche diese Synthese mit unterschiedlichem Gelingen unternehmen:
authentisch in der einfach gebauten «Insula deserta», weniger zwingend, aber mit vielen für Tüür neuen Ansätzen in «The Path and the Traces». Eher seltsam
steht daneben ein merkwürdig an den englischen Streicher-Neoklassizismus erinnerndes Werk wie «Action, Passion, Illusion».
Der junge, in Zürich ausgebildete Geiger Daniel Meller hatte im Violinkonzert «Höbevalge/Silverwhite» von Helena Tulve einen grossen Auftritt. Er gab seiner
Linie ein intensives, berührendes Cantabile, während ihn die Camerata Schweiz gleichsam mit einem akustischen Bühnenbild umgab. Neben Meller, der
Klarinettistin Shirley Brill, dem Quatuor Terpsycordes gab es in den ersten Festivaltagen indes noch andere grosse Talente zu entdecken. Der Pianist Gilles
Vonsattel - er war bereits vor einem Jahr in Davos - ist eine echte Entdeckung. Kann man Maurice Ravels «Gaspard de la nuit» noch differenzierter,
vielschichtiger und stimmiger spielen, als er dies in einem exzeptionellen Auftritt tat? Oder das aus Sankt Petersburg stammende Atrium-Quartett. Es stellte das
zweite Streichquartett, «Hommage an Indira Gandhi», des Turkmenen Chary Nurymov (1940-1993) vor, das klassische indische Musik mit russischer
Musiktradition zusammenführt. Es hätte kaum so zu fesseln vermocht, wäre es nicht so grandios interpretiert worden.
In einem Spätkonzert an besonderem Ort - im Wartsaal des Bahnhofs Davos Platz nämlich - gab es eine merkwürdige Rarität: die Bearbeitung Hanns Eislers
für Kammerensemble von Anton Bruckners siebter Sinfonie. Die Uminstrumentierung macht daraus ein neues Stück; plötzlich beginnt Bruckner zu schrammeln
und erhält einen wienerisch lasziven Unterton. Man fühlte sich plötzlich, als sei man in einen der Musikfilme Adrian Marthalers geraten; kein schlechtes
Erlebnis.
Alfred Zimmerlin